UX 2026: Was bleibt, was sich verändert und was UX-Teams jetzt erwartet
Das Jahr 2026 markiert für User Experience keinen Neuanfang, wohl aber eine Phase der Zuspitzung.
In den vergangenen Jahren hat sich UX stark professionalisiert und ihren Platz in vielen Organisationen gefestigt. Gleichzeitig ist der Druck gestiegen. Automatisierung, komplexere digitale Systeme und steigende Erwartungen an Wirkung und Wirtschaftlichkeit bestimmen heute den Alltag vieler UX-Teams.
Unser UX-Manager Martin Kastler beobachtet diese Entwicklung sehr genau – nicht entlang einzelner Trends oder Meinungen, sondern im kontinuierlichen Austausch mit Fachkolleg:innen und anhand konkreter Praxisfragen. Was sich dabei zeigt, ist kein abrupter Umbruch, sondern eine klare Verschiebung: UX wird strategischer, wirkungsorientierter und stärker in organisatorische Verantwortung eingebunden.
Was sich in den letzten Jahren verändert hat
Vom Gestalten zum Begründen
Lange Zeit war Produktgestaltung vor allem handwerklich orientiert. Interfaces wurden gestaltet, Nutzerflüsse optimiert und Usability getestet. Diese Tätigkeiten bleiben auch 2026 zentral, werden jedoch von neuen Rahmenbedingungen geprägt. KI-gestützte Tools beschleunigen viele Arbeitsschritte erheblich. Designvarianten, Prototypen und erste Konzepte entstehen heute in kurzer Zeit.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der UX-Arbeit. Der eigentliche Wert liegt weniger in der reinen Erstellung von Oberflächen, sondern zunehmend in der Entscheidung darüber, welche Lösung verfolgt wird, warum sie gewählt wird und welche Wirkung sie entfalten soll. UX rückt dadurch näher an Produktstrategie und Business-Ziele heran und muss seine Wirksamkeit beweisen. Gestaltung allein reicht nicht mehr aus, gefragt ist nachvollziehbare Argumentation.
Research als Fundament und Herausforderung
Parallel dazu hat sich der Stellenwert von User Research deutlich verändert. Inzwischen ist weitgehend bekannt, dass eine frühe und systematische Einbindung von Nutzer:innen Risiken reduziert, Fehlentscheidungen vermeidet und langfristig Kosten spart. Research liefert Orientierung in frühen Projektphasen und verhindert teure Korrekturen.
Gleichzeitig zeigt sich eine gegenläufige Entwicklung. Viele Research-Teams arbeiten am Limit, Kapazitäten halten mit den steigenden Anforderungen nicht Schritt, und Research wird trotz seines nachgewiesenen Nutzens häufig zu spät oder nur punktuell eingeplant. In einigen Organisationen werden Research-Ressourcen sogar gezielt reduziert oder Stellen abgebaut. Hinzu kommt, dass Research in Zeiten von Automatisierung und KI zunehmend als zeitlicher Engpass wahrgenommen wird.
Diese Spannung zwischen dem belegbaren Nutzen von Research und seinem organisatorischen Aufwand prägt die aktuelle UX-Praxis stark. 2026 steht UX daher vor der Aufgabe, Research nicht nur fachlich zu vertreten, sondern auch strukturell abzusichern.

„UX wird oft auf das Schönmachen von Oberflächen reduziert. Tatsächlich geht es darum, Bedürfnisse in fundierte Produktentscheidungen zu übersetzen und Funktionalität verständlich zu machen.“
Martin Kastler
UX-Manager beim ÖGB-Verlag
Was 2026 weiter an Bedeutung gewinnt
UX als verbindendes Element
UX wird 2026 noch stärker zur Schnittstelle innerhalb von Organisationen. Die Rolle besteht weniger darin, einzelne Oberflächen zu gestalten, sondern darin, zwischen Technologie, Organisation und Nutzer:innen zu vermitteln. UX übersetzt Bedürfnisse in konkrete Produktentscheidungen, ordnet diese Entscheidungen in strategische Zusammenhänge ein und macht komplexe Systeme verständlich.
Diese Übersetzungsarbeit erfordert ein breites Verständnis: für technische Möglichkeiten, organisatorische Rahmenbedingungen und menschliche Bedürfnisse. Klarheit, Kontextwissen und kommunikative Stärke gewinnen dadurch im UX-Berufsbild weiter an Gewicht.
Der Mensch rückt noch stärker in den Fokus
Je weiter digitale Prozesse automatisiert werden, desto deutlicher werden ihre Grenzen sichtbar. Technische Systeme können immer schneller reagieren und Inhalte erzeugen, doch die menschlichen Voraussetzungen bleiben gleich. Wahrnehmung, menschliche Sinne, Aufmerksamkeit und mentale Belastbarkeit entwickeln sich nicht im gleichen Tempo wie technologische Möglichkeiten – insbesondere nicht in Bezug auf visuelle Verarbeitung und Reizdichte.
Im Alltag zeigt sich das etwa durch die Ermüdung in digitalen Kommunikationsformaten, durch Überforderung bei komplexen Interfaces oder durch die große Wirkung kleiner gestalterischer Details. Schon geringe Unklarheiten oder unnötige Komplexität können das Nutzungserlebnis deutlich beeinträchtigen.
Für UX bedeutet das 2026 weniger eine neue Erkenntnis als eine notwendige Rückbesinnung auf den eigenen Kern: Nicht das technisch Machbare steht im Vordergrund, sondern das für Menschen Sinnvolle. UX muss stärker psychologisch denken und systematisch berücksichtigen, wie viel Information zumutbar ist, wie Orientierung entsteht und wo unnötige kognitive Belastung vermieden werden kann.

Inklusion wird zur Voraussetzung
Auch das Thema Inklusion gewinnt weiter an Bedeutung. Digitale Services richten sich zunehmend an eine breite Öffentlichkeit, schließen aber faktisch bestimmte Gruppen aus. Besonders ältere Nutzer:innen stoßen an Grenzen, wenn Angebote ausschließlich digital, mobil oder über QR-Codes zugänglich sind.
Gleichzeitig formuliert die Generation Z sehr klare Erwartungen an digitale Produkte. Sie legt Wert auf Transparenz, nachvollziehbare Entscheidungen und eine authentische Ansprache. Produkte werden schnell verlassen, wenn sie unklar wirken oder kein Vertrauen schaffen.
Diese beiden Entwicklungen verdeutlichen, wie unterschiedlich Lebensrealitäten sind. UX kann sich 2026 nicht mehr an einer idealisierten Durchschnittsnutzer:in orientieren. Relevante UX entsteht dort, wo digitale Angebote für möglichst viele Menschen verständlich, zugänglich und nutzbar sind.
Was trotz aller Veränderungen bleibt
Gute UX entsteht im Team
Bei allen Veränderungen bleibt ein zentraler Punkt konstant: Gute UX entsteht nicht isoliert. Sie ist eng mit Teamkultur, Zusammenarbeit und Führung verbunden. Psychologische Sicherheit, klare Ziele und transparente Abstimmung bilden weiterhin die Grundlage für gute Produkte.
Technologie kann diese Arbeit unterstützen, sie kann sie jedoch nicht ersetzen. Wo Zusammenarbeit nicht funktioniert, leidet auch die Qualität der User Experience.
Messbarkeit bleibt relevant
Auch 2026 wird UX weiter messbar sein müssen. Der Fokus verschiebt sich jedoch weg von einer Vielzahl isolierter Kennzahlen hin zu wenigen, aussagekräftigen Verbindungen zwischen UX-Metriken und Business-Zielen in Form von KPIs oder North Star Metrics. Messungen helfen, Entscheidungen zu begründen, Prioritäten zu setzen und Wirkung sichtbar zu machen – nicht zusätzlichen Druck erzeugen.
Was unter Druck gerät
Nicht alles, was bisher funktioniert hat, wird auch künftig Bedeutung behalten. Unter Druck geraten vor allem UX-Arbeiten ohne klaren Wirkungsnachweis, Research als bloße Pflichtübung sowie Designprozesse, die losgelöst von Organisation und Strategie stattfinden.
UX muss erklär- und nachvollziehbar sein, um relevant zu bleiben. Wo dieser Zusammenhang fehlt, verliert die Disziplin an Einfluss.
Fazit: UX bleibt auch 2026 ein Erfolgsfaktor
UX geht 2026 nicht in ein Jahr radikaler Umbrüche, sondern in eine Phase der Zuspitzung. Rollen werden neu definiert, Erwartungen konkreter und Zusammenhänge komplexer.
Wer UX in diesem Kontext ernst nimmt, wird weniger über Oberflächen sprechen und mehr über Nutzer:innenbedürfnisse, Verständlichkeit und Wirkung. Und genau darin liegt das eigentliche Potenzial der Disziplin.
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