Otto Bauer – Der Aufstand der österreichischen Arbeiter

Im März 1934 veröffentlicht Otto Bauer in Prag einen schmalen Text mit dem Titel „Der Aufstand der österreichischen Arbeiter. Seine Ursachen und seine Wirkungen“. Die Broschüre wird in hoher Auflage aus der Tschechoslowakei in die österreichische Diktatur geschleust. Die Tschechoslowakei war neben der Schweiz das einzige Land in Mittel-, Ost- und Südeuropa, das sich Demokratie und Rechtsstaat bewahren konnte. Alle anderen Staaten der Region stürzten – nach schwierigem, aber durchaus hoffnungsfrohem Beginn zu Ende des Ersten Weltkrieges – in Diktaturen. Diese autoritären Systeme, schlussendlich von Portugal bis ins Baltikum, orientierten sich mehr oder weniger am Vorbild des Faschismus in Italien unter Benito Mussolini. In Deutschland war Anfang des Jahres 1933 Adolf Hitler an die Macht gekommen, der das faschistische Grundmodell zu einem totalitären Unrechtsstaat ausbaute. Dieser mündete geradewegs in globalem Krieg und millionenfacher industrieller Menschenvernichtung.

Widerstand gegen die austrofaschistische Diktatur

Der Verfassungs- und Zivilisationsbruch, den die Dollfuß Putschisten ab März 1933 vorantrieben, führte auch die demokratische Erste Republik Österreich in eine „antimoderne“ (© Helmut Konrad) Diktatur, die in besonderem Maße mit dem „Role Model“ Mussolinis vergleichbar ist. Das austrofaschistische autoritäre Regime von 1933 bis 1938 wies einen erheblichen Repressionsgrad auf. In diesem Unrechtssystem wurde misshandelt und gedemütigt, ohne rechtsstaatliche Garantien in Anhaltelager gesperrt, gehängt und gefoltert. Als „Abwehrprojekt“, als „entschuldbares Notstandsprojekt“ (© Peter Veran) war die österreichische Diktatur denkbar ungeeignet, dem aggressiven Druck des nationalsozialistisch-totalitären Deutschen Reiches standzuhalten.
In Brünn/Brno, Pressburg/Bratislava und in Prag/Praha sammelte sich die sozialdemokratische Emigration, die im oder nach dem „Bürgerkrieg“ im Februar 1934 das Land hatte verlassen müssen. Das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie, gegründet bereits fünf Tage nach Beginn des Aufstandes, am 17. Februar 1934, organisierte den Widerstand gegen die austrofaschistische Diktatur. Otto Bauers Schrift hatte den Zweck, dem Freiheitskampf in Österreich geistigen, politischen und moralischen Halt zu geben. Manche seiner Darstellungen sind überzogen oder – bewusst oder unbewusst – unscharf, wohl der Rechtfertigung des eigenen Handelns oder der Befeuerung des Widerstandes geschuldet. Bauer, stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ) und deren „Chefideologe“ hatte ja bereits nach eineinhalb Tagen des Kampfes um Freiheit und Recht im Februar 1934 das Land verlassen. Viele seiner Genossen, ob nun im Land verblieben oder wie er in der (tschechoslowakischen) Emigration, warfen ihm dies als „Feigheit“ vor. Auch die Propaganda des Regimes bemühte sich naturgemäß redlich, Bauer die – in der Gesamtbeurteilung gewiss unangebrachte – Etikette, er hätte die Arbeiter zuerst verführt und dann „schmählich im Stich gelassen“, an die Stirn zu heften. Zu den Unschärfen ein Beispiel: Die Bezeichnung der Anhaltelager in Österreich als Konzentrationslager legt eine Vergleichbarkeit dieser Einrichtungen mit jenen in Deutschland nahe. Ein solcher Vergleich wäre freilich völlig unzutreffend. Die Haftbedingungen in den austrofaschistischen Anhaltelagern, so freiheitsbeschränkend und entwürdigend sie auch von den Opfern empfunden wurden, reichten nicht an die barbarische Brutalität in den Lagern der Nationalsozialisten heran. Allerdings war die Bezeichnung Konzentrationslager für die Internierungslager der Austrofaschisten bereits 1934 gängig. Bauer konnte zur Zeit der Abfassung seines Textes noch keine Vergleiche ziehen.
In weiten Teilen legte aber Bauer – mag der Ton der Streitschrift auch von Pathos getragen sein – eine erstaunlich objektive, ebenso nüchterne wie hellsichtige Analyse des Staatsstreiches der Regierung Dollfuß vor. Die Verfestigung des diktatorischen Systems, aber auch dessen soziale und ökonomische Vorbedingungen sind zutreffend dargestellt. Auch Bauers düsterer Ausblick auf die unmittelbar bevorstehende Zukunft des Landes ist zutreffend. Und er macht unverhohlen deutlich, in welch’ schwieriger Position sich die demokratische Opposition, insbesondere also die Sozialdemokratie, in dieser so unglücklichen Periode der österreichischen Geschichte befunden hatte. Die möglichen – politischen – Fehler der Partei werden unnachsichtig angesprochen.

Im Video erklärt euch unser Kollege aus der Fachbuchhandlung die genauen damaligen Ereignisse und ihre Folgen. Inklusive Buchtipps zur tieferen Auseinandersetzung mit dem Februar 1934, seiner Vorgeschichte und den Folgen.

Bauers Darstellung im Lichte aktueller Entwicklungen

Der Text dient nicht nur als eine wertvolle Quelle für ZeithistorikerInnen, er trägt auch bedeutend bei zum Verständnis des jahrhundertelangen Ringens zwischen Aufklärung und Moderne, Demokratie und Rechtsstaat einerseits und einer rechtsextremen, rückwärtsgewandten, anti-partizipativen und anti-emanzipatorischen Gedankenwelt. In letzterer wurzelte alles Recht nicht in der Würde des Menschen an sich, sondern in roher Gewalt. Und Bauers Betrachtungen lassen auch verstehen, dass der ungebremste Kapitalismus – ohne soziale Grundsicherungen, wie wir sie heute in der sozialen Marktwirtschaft ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen können – unmittelbar in Ausgrenzung, Ausbeutung, Armut, Krieg und Diktatur mündet. Der Text kann daher auch – ja vielleicht gerade – heute noch mit beachtlichem Gewinn gelesen werden.

Einblick in die Neufassung des Buches

Die neu herausgegebene Edition des Aufstandes der österreichischen Arbeiter entspricht der Originalausgabe von 1934. Die Grundlage bildet das Original-Manuskript, aufgefunden 2019 im Archiv der Sozialistischen Internationale in Amsterdam. Dadurch war es möglich, inhaltliche Änderungen aufzuzeigen, die Otto Bauer als Flüchtling in der Tschechoslowakei auf Grund der Entwicklung bis zum 19. Februar noch selbst vorgenommen hat. Der Kommentar nimmt auf diese Änderungen Bezug.
Bauers Text ist mit Fußnoten im Lichte der heutigen historischen, juristischen, ökonomischen und politikwissenschaftlichen Erkenntnisse kommentiert. Das Nachwort von Werner Anzenberger beschließt die wissenschaftliche Darstellung. Eine Zeittafel zum einfacheren Verständnis sowie ein Literatur- und Stichwortverzeichnis zur Erleichterung der wissenschaftlichen Rezeption befinden sich im Anhang.*


Otto Bauer
Der Aufstand der österreichischen Arbeiter

von Werner Anzenberger, Anja Grabuschnig, Hans-Peter Weingand (Hg.)

ÖGB-Verlag / 30.09.2021 / Paperback
ISBN: 978-3-99046-598-1

Im Onlineshop bestellen: shop.oegbverlag.at/otto-bauer

* Bei dem hier veröffentlichten Text handelt es sich um das Vorwort zum Buch Otto Bauer. Der Aufstand der österreichischen Arbeiter, verfasst von Werner Anzenberger, Anja Grabuschnig und Hans-Peter Weingand und ist 2021 im ÖGB-Verlag erschienen. Inhalt und Formatierung wurden zur besseren Lesbarkeit in leicht adaptierter Form übernommen.