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ÖGB-Verlag

Nachgefragt: Was Martin Schenk übers Wiener Sozialgefälle sagt

Der folgende Text ist ein Auschnitt des Interviews mit Martin Schenk aus dem Buch "Die Armen von Wien" von Uwe Mauch

Der Wiener Psychologe und Sozialforscher Martin Schenk arbeitet für die Diakonie Österreich und als Mitbegründer für die Österreichische Armutskonferenz. Seine Stärke ist es, Phänomene der Armut und Ausgrenzung fundiert zu recherchieren und allgemeinverständlich zu erklären.

Herr Schenk, ich habe während der Recherchen zu diesem Buch öfters gehört, dass es den Armen in Wien im Vergleich zu anderen Städten eh gut geht. Stimmt das?

Martin Schenk: Armut setzt sich immer ins Verhältnis, egal wo. Sie zeigt sich in reichen Ländern anders als etwa in Kalkutta. Menschen, die in Wien von 800 Euro im Monat leben müssen, hilft es wenig, dass sie mit diesem Geld in Indien gut auskämen. Die Miete ist hier zu zahlen, die Heizkosten ebenso. Die Lebensmittel sind hier zu besorgen, und die Kinder gehen hier zur Schule. Deshalb macht es Sinn, Lebensverhältnisse in den konkreten Kontext zu setzen. Armut bedeutet überall einen Mangel an Möglichkeiten. Das ist auch in reichen Ländern so.
 
Sie schreiben: „Armut ist das Leben, mit dem niemand tauschen will.“ An welches Leben denken Sie da?

Armutsbetroffene Kinder haben Eltern mit den schlechtesten Jobs, den geringsten Einkommen, den am ehesten krank machenden Tätigkeiten. Sie leben in den kleinsten und feuchtesten Wohnungen, in den schlechtesten Stadtvierteln, gehen in die am geringsten ausgestatteten Schulen mit den schlechtesten Bildungschancen. Sie müssen fast überall länger warten – außer auf den Tod, der ereilt sie im Schnitt um sieben Jahre früher als Angehörige der höchsten Einkommensschicht.

Täuscht der Eindruck, dass die Schere zwischen Arm und Reich schneller aufgeht als noch vor ein paar Jahren?

Der Eindruck täuscht nicht. Heute verfügen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung in Österreich über zwei Drittel des Haushaltsvermögens, während die unteren zwei Drittel praktisch keine oder nur sehr geringe Reserven haben. Mit dem wachsenden Überfluss einiger weniger nimmt auch die soziale Polarisierung zu. Die Schere geht vor allem bei den Löhnen und beim Vermögen auf. Immerhin klaffen die Haushaltseinkommen im Moment noch nicht so weit auseinander, was den staatlichen Sozialleistungen zu verdanken ist.

Der Staat kompensiert also die Einkommensausfälle?

Ja, das ist ein Faktum. Ohne staatliche Sozialleistungen hätten wir – besonders nach dem Einbruch des Arbeitsmarkts in der Finanzkrise – noch viel mehr Armut in Österreich. Daher debattieren wir jetzt auch, wer volkswirtschaftlich gesehen die Kosten der Krise zu tragen hat.

Wer sollte diese Kosten tragen?

Jedenfalls nicht die, die sie heute bezahlen: die Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre. Wenn wir uns die einseitig geführte Debatte um die Mindestsicherung ansehen, dann ist doch offensichtlich, dass hier auf dem Rücken der Ärmsten argumentiert wird. Wir wissen aus Studien und aus der konkreten sozialen Arbeit, dass vor allem fehlende Arbeitsplätze, steigende Wohnkosten, physische und psychische Beeinträchtigungen, prekäre, nicht existenzsichernde Jobs zu Armut führen. Wer die ärmsten drei Prozent der Bevölkerung schröpfen will, der rettet keineswegs den Sozialstaat. Was wollen wir bei ihnen noch einsparen? Die Mindestsicherung macht nur 0,7 Prozent des gesamten Sozialbudgets von insgesamt 100 Milliarden Euro aus.

Wer ist in Österreich am meisten von Armut betroffen?

Wir sehen sechs Problemgruppen, wobei die Grenzen zwischen den Gruppen fließend sind: Zunächst die prekär und unsicher Beschäftigten am Arbeitsmarkt, die viel zitierten Working Poor. Dann jene, die seit Längerem keine Arbeit haben bzw. erfolglos Arbeit suchen. In der dritten Gruppe treffen wir auf Menschen mit gesundheitlichen Problemen, sowohl mit körperlichen als auch mit psychischen Beeinträchtigungen. Dazu kommen jene, denen die Wohnkosten über den Kopf wachsen. Die fünfte Gruppe wird vor allem von Frauen und Kindern in Alleinerzieherhaushalten gebildet. Und die sechste Gruppe von Menschen, die Migrations- oder Fluchthintergrund haben. Besonders problematisch ist die Situation für jene, die mit mehreren Problemfeldern gleichzeitig konfrontiert sind.

 

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