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ÖGB-Verlag

Suppe im "Häferl"

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus dem Kapitel "Suppe im 'Häferl'" aus dem Buch "Die Armen von Wien" von Uwe Mauch.

357 Mal Mahlzeit und ein Lächeln.

Ein Sonntag im Armenwirtshaus

Straße der Verlierer? Steht auf einem Schild am Ende der kurzen Sackgasse im Herzen von Mariahilf. Ein Sonntag am Beginn der kalten Jahreszeit, kurz vor Mittag. Auffallend viele Menschen haben sich in der Sackgasse eingefunden. Ihr Atem verrät, dass es kalt in der Stadt geworden ist. Ihr Schuhwerk verrät, dass sie sich in den nächsten Wochen noch öfters kalte Füße holen werden. Man tritt von einem Fuß auf den anderen, reibt sich die Hände und die Ohren, hustet lautstark, schnäuzt sich in zerwutzelte Taschentücher. Das Eingangstor zum Garten der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche ist nicht versperrt. Dennoch warten all die Außenstehenden in Ruhe auf Einlass. Es sind nicht die Frischrasierten, neu Eingekleideten, fein Parfümierten, die in diesen Minuten im Bürgerbezirk zum gedeckten Tisch eines nett eingerichteten Restaurants streben. Sie haben auch nicht Gusto. Sie haben richtig Hunger. Punkt zwölf Uhr ruft jemand hinter dem Gartentor: „Mahlzeit!“ Und die Hungrigen von Mariahilf setzen sich in Bewegung. Die Klinke der Gartentür wird gedrückt. Die ersten 44 Gäste dürfen eintreten, so schnell als möglich eilen sie durch den kleinen Garten in das Innere der Kirche. Die Unterkirche mit ihren schönen alten Gewölben bietet 44 Essplätze, die im Nu belegt sind. Sonntags ist diese Einrichtung der Wiener Stadtdiakonie der einzige Kalorienspender weit und breit. Und nebenbei auch eine soziale Wärmestube. Die Nachfrage nach einem warmen Platz und einem warmen Essen ist in diesen

Tagen besonders groß. Die Kälte zeigt auch hier Wirkung: je mehr die Temperaturen unter Null fallen, umso größer ist hier herinnen, im Warmen, der Andrang von sogenannten Armutsbetroffenen.

Der Chefkoch dankt der Tafel

Am Tag des Herrn kocht der Chef persönlich. Norbert Karvanek führt seit vielen Jahren mit großer Empathie und einem großartigen Team, das ausschließlich aus Freiwilligen besteht, eine Armenküche, die unter ihrem Wienerischen Namen „’s Häferl“ bekannt ist. Sie wird seit dem Jahr 1987 in erster Linie von der evangelischen Kirche und der Zivilgesellschaft am Leben erhalten. Daher grenzt es auch an ein kleines Wunder, dass hier immerhin an vier Tagen pro Woche (Mittwoch, Donnerstag, Samstag und Sonntag) gekocht werden kann. „Heute gibt’s eine Backerbsensuppe und ein Alt-Wiener Erdäpfelgulasch“, ruft Karvanek aus der dampfenden, 1,5 Quadratmeter engen Küche. Und dann sagt er, was ihm auch wichtig ist: „Die Erdäpfel haben uns wieder einmal die Leute von der Wiener Tafel vorbeigebracht. Ohne die Wiener Tafel müssten wir zusperren.“ Drei 50-Liter-Töpfe, zwei mit Gulasch, einen mit Suppe, hat Karvanek seit dem frühen Vormittag in Arbeit.

Wert legt der Chefkoch auch auf diese Feststellung: „Wir sind hier ein Armenwirtshaus, keine Armenausspeisung.“ Daher werden die Menschen, die zum Gratisessen kommen, als Gäste begrüßt und nicht als Bittsteller abgetan. Sie nehmen sich Besteck, dann suchen sie sich einen Essplatz. Alle Tische sind mit Tischtüchern gedeckt, auf den Tischen stehen Krüge mit Wasser, Gläser und Körbe mit Brot bereit. Die Freiwilligen servieren die Suppe und das Gulasch. Ein Ausrufezeichen der Nächstenliebe! Denn es kommt im Leben der Hungrigen von Mariahilf nicht oft vor, dass sie auf Augenhöhe bedient werden. Beeindruckend ist auch, wie gut sich die Helfer_innen auf engstem Raum mit den Zutaten, den Gerichten, dem Geschirr und den vielen Gästen zurechtfinden. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt der Telekom-Manager Thomas.

Und er sagt das nicht ohne Stolz.

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