Unternehmenskrisen erkennen und bewältigen

Wir haben bei Ruth Naderer (AK Wien, Abteilung Betriebswirtschaft) und Heinz Leitsmüller (AK Wien, Leiter Abteilung Betriebswirtschaft) nachgefragt, wie Krisen aus Sicht des Betriebsrats (frühzeitig) erkannt werden können, welche Handlungsmöglichkeiten vor sowie während einer Krise bestehen und welche Werkzeuge es gibt, die dabei unterstützen können.

Welche Rolle spielt der Betriebsrat im Falle einer Unternehmenskrise?

Da Unternehmenskrisen meistens turbulente Zeiten mit viel Unsicherheit mit sich bringen und immer auch Auswirkungen auf die Beschäftigten im Unternehmen haben, ist der Betriebsrat jedenfalls stark gefordert. Egal, wie er sich positioniert, er hat eine exponierte und sehr wichtige Rolle.

Die Personalkosten sollen meistens reduziert werden, MitarbeiterInnen werden aufgefordert, Überstunden und Urlaub abzubauen. Oft erfolgen Einsparungen bei Sozialleistungen und Prämien und im schlechtesten Fall drohen Kündigungen und Betriebsschließungen.

Der Betriebsrat sollte sich jedenfalls eine eigenständige Strategie zurechtlegen. Diese kann sich zwischen einem strikten Konfrontationskurs und einer gemeinsamen kooperativen Strategie mit dem Management bewegen. Welche Strategie er letztendlich wählt, hängt primär von der gelebten Unternehmenskultur, seinem eigenen Rollen- und Selbstverständnis und der Tragfähigkeit der Beziehung zwischen Management und Betriebsrat ab. Was im Einzelfall und im Sinne der Beschäftigten Erfolg versprechend ist, kann durchaus unterschiedlich sein: Maßnahmen aktiv verhindern, sich als Betriebsrat raushalten, die Geschäftsführung kontrollieren oder sich aktiv gestaltend einbringen. Im Sinne von „Wissen macht handlungsfähig“ sind eine gründliche Informationsbeschaffung und Analyse der aktuellen Situation unumgänglich, um als Betriebsrat handlungsfähig zu bleiben und Unsicherheit zu reduzieren.

Besonders wichtig ist Kommunikation auf allen Ebenen – mit den Beschäftigten, der Geschäftsleitung und innerhalb des Betriebsrates. KollegInnen und ExpertInnen aus Gewerkschaften und Arbeiterkammern können zur Unterstützung beigezogen werden. Der Betriebsrat sollte sein Netzwerk aktivieren und überlegen, wer darüber hinaus Verbündete sind. Dies sind unter Umständen auch Führungskräfte aus dem eigenen Unternehmen, BetriebsratskollegInnen aus anderen Unternehmen, PolitikerInnen, Gläubiger sowie KapitalvertreterInnen aus dem Aufsichtsrat.

Wie lassen sich Krisen von Betriebsrät:innen (frühzeitig) erkennen? Gibt es Anzeichen (finanzielle, soziale, ökologische), die beobachtet und hinterfragt werden sollten?

Eine sich anbahnende Krise zu erkennen ist keine leichte Sache. Niemand würde in einer Frühphase auch bereits von „Krise“ sprechen.  Nicht selten sind Unternehmen in dieser Phase sehr erfolgreich und erzielen hohe Gewinne.

Und trotzdem sind die Zukunftsaussichten und Erfolgspotenziale bereits bedroht. Umbrüche in der Gesellschaft werden ignoriert. Große Veränderungen und Metatrends bzw. Megatrends werden in Bezug auf die Entwicklung und die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens sowie der Produkte und Leistungen verschlafen. Derartige große Umbrüche und Veränderungen in der Gesellschaft und Wirtschaft sind in jeder Epoche unterschiedlich.

Frühindikatoren bzw. frühe Krisenanzeichen geben dem Betriebsrat einen Hinweis auf eine Fehlentwicklung im Unternehmen, die er jedenfalls beobachten und hinterfragen sollte.

  • Gesellschaftliche Megatrends werden ignoriert (z. B. Diversität, Klimawandel, Digitalisierung)
  • Innovation und Weiterentwicklung werden vernachlässigt
  • Forschung und Produktentwicklung haben einen geringen Stellenwert
  • Markt- und Kundenbeobachtung werden nicht systematisch betrieben
  • Marktentwicklungen werden ignoriert/falsch eingeschätzt
  • Fehlentscheidungen des Managements mit langfristiger Wirkung und hoher Kapitalbindung (z. B. betreffend Unternehmensstrategie, Investitionen, Erschließung neuer Märkte)
  • Qualitätsmanagement ist mangelhaft
  • Weiterentwicklung der Arbeitsorganisation wird nicht betrieben

Welche Werkzeuge können im Rahmen der Betriebsratsarbeit dabei unterstützen Krisen zu erkennen?

Eine umsichtige Betriebsratsarbeit sollte auf einem eigenen „Betriebsrats-Monitoringsystem“ aufgebaut sein, welches die aktuelle wirtschaftliche Lage des Unternehmens am Radar hat und zukünftige Entwicklungen, Chancen und Risiken regelmäßig beleuchtet. Ein derartiges Betriebsrats-Monitoringsystem ist das Fundament für strategische Handlungen der Arbeitnehmervertretung. Jede Betriebsratsstrategie setzt eine klare Zielsetzung voraus – und in jedem Fall sind diese Ziele von der erwarteten wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens abhängig.

Folgende Elemente könnte ein geeigneter Betriebsratsmonitor umfassen:

Quelle: Ratgeber Unternehmenskrise – Naderer & Leitsmüller, 2021, S. 23

Welche Handlungsoptionen und Maßnahmen kann der Betriebsrat bei einer Unternehmenskrise ergreifen?

Wenn dem Betriebsrat erste Krisengerüchte zu Ohren kommen, sollte er möglichst rasch aussagekräftige und umfassende Informationen einholen. Ziel wäre es, rasch zu einer ersten realistischen Einschätzung zu gelangen, wie weit die Krise fortgeschritten ist und wieviel Zeit und Spielraum für Gegensteuerungsmaßnahmen zur Verfügung stehen. Alle Krisen kündigen sich in Form von Anzeichen an, die bei sorgfältiger Beobachtung meist gut erkennbar sind.

Es macht auch in Bezug auf die konkrete Gestaltung von Personalsparmaßnahmen einen großen Unterschied, ob das Unternehmen das erste Mal seit Jahren Verluste schreibt oder bereits knapp vor der Zahlungsunfähigkeit steht – dann ist es fünf vor zwölf. Der verbleibende Zeitraum für moderate Gegensteuerungsmaßnahmen zur Krisenbewältigung wird immer kürzer. Während bei einer strategischen Krise meist noch ein langer Zeitraum zur Gegensteuerung zur Verfügung steht, bleiben in der Liquiditätskrise oft nur mehr einige Tage bzw. Wochen. Kosteneinsparungen werden dann rasch durchgezogen. Nur allzu oft werden Löhne, Gehälter und Sozialleistungen nach Einsparungsmöglichkeiten durchforstet. Ein rechtzeitiges Hinschauen und Eingreifen des Betriebsrates kann somit negative Folgen für die ArbeitnehmerInnen abschwächen bzw. sogar abwenden.

Der Aufsichtsrat als Akteur in der Unternehmenskrise – Welche Verantwortung kommt ihm bzw. den Mitgliedern des Aufsichtsrates hierbei zu?

Der Aufsichtsrat hat im Rahmen der Insolvenzprophylaxe eine besondere Verantwortung.

Treten erste Krisenanzeichen auf, hat er die Aufgabe, von der Geschäftsführung entsprechende Begründungen und Analysen zu verlangen. Das Management sollte unmittelbar Konzepte mit Gegensteuerungsmaßnahmen ausarbeiten und dem Aufsichtsrat vorlegen. Dieser sollte dann die Umsetzung der Maßnahmen durch regelmäßiges Controlling sowie eine Überprüfung der Wirksamkeit begleiten. Greifen die Maßnahmen nicht, müssen alternative Schritte überlegt und angeregt werden. Nützt dies alles nichts und gerät das Unternehmen trotzdem in Liquiditätsschwierigkeiten, sollten die Aufsichtsratssitzungen in kürzeren Abständen angesetzt und der finanzielle Status Quo regelmäßig überprüft werden.

Welche Möglichkeiten bestehen in diesem Zusammenhang für den Betriebsrat?

ArbeitnehmervertreterInnen im Aufsichtsrat stehen wesentlich mehr und detailliertere Informationen zur Verfügung als dem Betriebsrat im Rahmen des ArbVG. Sie haben eine Fülle von Informationsmöglichkeiten, die das Erkennen von krisenhaften Erscheinungen erleichtern. Beispielsweise haben sie die Möglichkeit, direkt mit dem Abschlussprüfer in Kontakt zu kommen, wenn dieser im Rahmen einer Aufsichtsratssitzung oder im Prüfungsausschuss über seine Prüfungsergebnisse Bericht erstattet.

Durch den direkten Kontakt zu den Kapitalvertretern können die ArbeitnehmervertreterInnen auch die Gesellschafter stärker in die Mitverantwortung zur Krisenbewältigung zu nehmen. Dies ist sinnvoll, da Entscheidungen über Strategie und Unternehmensfinanzierung in der Regel von den beherrschenden Eigentümern getroffen werden.

Betriebsräte haben durch die Mitbestimmung im Aufsichtsrat die Chance, negative Folgen für die Beschäftigten bestmöglich zu vermeiden oder zumindest zu lindern. Bei strategischen Weichenstellungen können sie die Interessen der Beschäftigten frühzeitig einbringen.

Ratgeber Unternehmenskrise

von Hauser, Höbart, Hoffmann, Hons, Kraxner, Lang, Leitsmüller, Lugger, Mitter, Müller, Naderer, Oberrauter, Ofner, Schindler, Schneller

ÖGB-Verlag / 25.10.2021 / 2. Auflage
Buch + e-book
ISBN: 978-3-99046-518-9

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