Arbeitszeitpolitik im Wandel: Der harte Kampf um faire Arbeitszeiten

Einen beträchtlichen Teil unseres Lebens verbringen wir mit Erwerbsarbeit. Überlange Arbeitszeiten führen zu sowohl physischen als auch psychischen Beeinträchtigungen. Das Bewusstsein dafür war schon früh vorhanden und diente im historischen Verlauf oftmals als Diskussionsgrundlage der Arbeitszeitpolitik.

Neu auftretende Herausforderungen am Arbeitsmarkt erfordern nun auch erneut Diskussionen über die Gestaltung von Arbeitszeiten. Die fortschreitende digitale Transformation verändert auch die Arbeitswelt und bedingt eine Anpassung der Arbeitsweisen. Die zunehmende ständige Verfügbarkeit sowie die Ausbreitung von Homeoffice stellen lediglich ein paar der Bereiche dar, mit denen aktuelle Veränderungen greifbar werden.

Unterschiedlichste Entwicklungen, Ideologien und Machtverhältnisse spielen heute wie auch damals eine bedeutende Rolle, wenn es um Regelungen zur Arbeitszeit geht: von der industriellen Revolution, die mit dem Einsatz der Elektrizität auch das Arbeiten am späten Abend oder in den frühen Morgenstunden ermöglichte, über politische Mächte der Monarchie oder später des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus. Mit der folgenden Aufzählung möchten wir eine Übersicht zentraler Entwicklungen der Arbeitszeitpolitik im historischen Verlauf geben. Je nach Branche gab und gibt es darüber hinaus natürlich auch spezifische Zusatzregelungen:

  • 1830er-Jahre: Anstieg der täglichen Arbeitszeit von bisher 10–12 auf bis zu 16 Stunden. Zudem wurden Sonn- und Feiertage gestrichen. Die Elektrifizierung ermöglichte überdies die Einführung von Nachtarbeit.
  • 1848: Arbeitsordnung zum 10-Stunden-Tag. Endete mit der Niederschlagung der Revolution im Oktober 1848.
  • 1884/85: Der Sonntag wird mit der Änderung der Gewerbeordnung gesetzlich als freier Tag festgelegt. Der erste arbeitsfreie Sonntag war in vielen Branchen schließlich am 14. Juni 1885.
  • Ab 1892: Schrittweise Einführung von 9-Stunden-Tagen, einer 6-Tage-Woche sowie einer 36-Stunden-Ruhe in unterschiedlichen Branchen auf Basis von Kollektivverträgen.
  • 1895: Das Sonntagsruhegesetz wird verabschiedet, aber sofort wieder durchlöchert: in 48 Branchen war Sonntags- sowie Feiertagsarbeit gesetzlich erlaubt.
  • 1907: „7-Uhr-Sperre“ für Handelsangestellte. Allerdings basierend auf einer vertraglichen Einigung von Angestellten und Gewerbetreibenden.
  • 1916: Das zwischenzeitlich abgeschaffte Sonntagsruhegesetz tritt für das Handelsgewerbe wieder in Kraft.
  • 1918/1919 sowie 1920: Verabschiedung des 8-Stunden-Tag-Gesetzes sowie des Arbeiterurlaubsgesetzes und damit eines gesetzlichen Anspruches auf eine Woche sogenannter Ersatzruhezeit pro Jahr. Beides wurde durch die Austrofaschisten und die Nationalsozialisten verwässert und erst in der Zweiten Republik wieder eingeführt.
  • 1919: Ebenfalls in diesem Jahr wurden die Geschäfts-Schließzeiten von 7 Uhr abends bis 5 Uhr morgens über das Handelsgewerbe auch auf andere Betriebe ausgeweitet.
  • 1934: Aufhebung der verkürzten Arbeitszeit (44 anstelle von 48 Stunden) für Frauen und Jugendliche. Zudem wurde der Zuschlag für Überstunden von 50 % auf 25 % reduziert.
  • 1934: Aufkündigung der Kollektivverträge durch Unternehmen aufgrund des Verbots sozialdemokratischer Gewerkschaften unter dem Austrofaschismus.
  • 1959: Für rund 1,6 Millionen ArbeitnehmerInnen galt fortan die 45-Stunden-Woche.
  • 1969: Wiedereinführung des 8-Stunden-Tages, allerdings angeschlossen an vielfache Regelungen bezüglich der Arbeitszeitflexibilisierung. Zudem stufenweise Einführung der 40-Stunden-Woche.
  • 1986: Sukzessive Einführung der 38,5-Stunden-Woche in Kollektivverträgen
  • 2008: Die Arbeitszeit wird durch die Novellierung des Arbeitszeitgesetzes flexibilisiert. Darin enthalten sind u. a. Regelungen zur Gleitzeit.
  • 2018 bis heute: Unter der schwarz-blauen Regierung fällt die österreichische Arbeitszeitpolitik wieder in Verhältnisse des 19. Jahrhunderts zurück. Sowohl der 12-Stunden-Tag als auch die 60-Stunden-Woche werden abermals eingeführt.

Seit 2020 ist es insbesondere die Corona-Pandemie, die die Arbeitswelt vor Herausforderungen stellt und uns einmal mehr vor Augen führt, wo Handlungsbedarf besteht. Hunderttausende Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren oder wurden in Kurzarbeit geschickt. Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung ist ein von vielen Seiten gefordertes Gegenmittel, doch damit allein ist es nicht getan.

Interesse geweckt? Mehr Infos zum Thema:

Der Text ist ein Exzerpt des Beitrags „Arbeitszeitpolitik in der historischen Rückschau“ von Marliese Mendel aus dem Buch „Arbeitszeit“, herausgegeben von Martin Müller und Charlotte Reif. Das Buch behandelt anhand unterschiedlicher Beiträge aus der Wissenschaft das Thema Arbeitszeit und beleuchtet neben nationalen Dimensionen auch europäische. Die Diskussion um die Arbeitszeit soll damit weiter belebt werden.

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